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Franzi Löw:
Mit Mut und List das Leben von Harry Gelbfarb gerettet

Franzi Löw war gerade einmal 22 Jahre alt, als sie nach dem „Anschluss Österreichs“ von der Gemeinde Wien im August 1938 die Vormundschaft für rund 200 uneheliche jüdische Minderjährige übernahm, die die Kommune im Zuge der Ausgrenzung der Juden aus dem Gemeinwesen aufgegeben und der Jüdischen Kultusgemeinde übertragen hatte. Zu den Schützlingen von Löw gehörte ab 1941 auch Harry Gelbfarb: Seine Pflegeeltern waren beide ins KZ verschleppt worden. Dass ihr Sohn nicht das gleiche Schicksal erlitt, verdankte er ausschließlich dem Mut und der Entschlossenheit von Franzi Löw, die das Kind dem persönlichen Zugriff von Alois Brunner entzog, dessen mörderischem Organisationstalent im Laufe des Krieges 100 000 Juden in Wien, Paris, Soliniki und der Slowakei zum Opfer fielen.

"Wieso habe ich einen Taufschein, ich bin ich Jude?"

Anfang der neunziger Jahre schilderte Löw Historikern die Rettung von Harry Gelbfarb: „Eines Tages mußte ich Harry in das Sammellager im zweiten Bezirk, Malzgasse, zum gefürchteten Alois Brunner bringen. Ich habe Herrn Brunner gesagt, daß der Junge getauft und eigentlich Mischling ersten Grades" sei. Das war um 11 Uhr nachts. Daraufhin hat Brunner gesagt, wenn ich den Beweis erbringe, daß der Junge noch vor dem Stichtag 15. September 1935 getauft worden ist, dann kann der Junge wieder freikommen. Da bin ich in meiner Verzweiflung – ich hatte gute Kontakte zur evangelischen und katholischen Fürsorge in die Erzdiözese Wien in die Rotenturmstraße gegangen!

An diesem Tage machte Pater [Ludger] Born Dienst. Dieser hatte mir schon in vielen Fällen geholfen, indem er mir zum Beispiel Medikamente für die Kranken zur Verfügung, stellte. Zu diesem Pater Born bin ich gegangen und habe ihm gesagt, es geht um Tod oder Leben, ich kann dieses Kind freibekommen, wenn ich mit einem Taufschein nachweise, daß das Kind bereits vor dem Jahre 1935 getauft worden ist. In seinem Zimmer hat Pater Born in einer Ecke ein Kruzifix gehabt. Er hat sich zu diesem Kruzifix hingekniet, hat lange gebetet, ist dann zu mir zum Schreibtisch gekommen, hat mir einen Taufschein auf den Namen des Kindes ausgestellt, hat den Taufschein unterschrieben und den Stempel draufgedrückt. Ich bin mit dem Taufschein um Mitternacht in das Lager zurückgegangen, habe dem Brunner den Taufschein gegeben; darauf sagte er, das Kind ist frei, ich kann mit dem Kind ins Heim.

Es war finster, wir sind an der Ecke Malzgasse/Leopoldgasse gestanden. Der Bub hat sich umgedreht, hat geschaut, ob uns jemand hört, und hat gesagt: „Aber, Tante Franzi, wieso hab' ich einen Taufschein, ich bin doch Jude?" Ich erwiderte ihm: „Ich sag' dir etwas, das alles kannst du jetzt nicht verstehen. Wenn du größer sein wirst, wir weniger Sorgen haben werden, dann wird es eine Zeit geben, in der ich dir alles erklären werde. Du bleibst mein Schützling, so wie du es jetzt bist, du kommst wieder ins Heim zurück, du brauchst dir keine Sorgen zu machen." So bin ich mit Harry wieder in das Heim gekommen. Es war zwei Uhr nachts.“

„Einige Transporte der Heimkinder sind direkt in die Gaskammern gegangen“

Nur wenige Stunden später machte sich Franzi Löw in die Jüdische Kultusgemeinde auf, wo sie sich vor dem Vorsitzenden des „Judenrates“ Dr. Josef Löwenherz rechtfertigen muss. Er fürchtete, dass die Gestapo seine Mitarbeiter verhaftete, wenn sie hinter Löws List kämen. Doch die Aktion blieb folgenlos, Harry kam im Kinderheim Tempelgasse, wo die Kinder unter primitiven Bedingungen mit dem Nötigsten versorgt wurden. Die Befreiung erleben dort 30 Kinder, für die Löw einen nichtjüdischen Elternteil nachweisen konnte – mit echten oder gefälschten Dokumenten. So besorgte sie Taufscheine von verstorbenen, „arischen“ Männern und nutzte sie als Nachweis für die angebliche Vaterschaft der Toten zu den bedrohten Kindern. Doch sie konnte nur eine Minderheit ihrer Schützlinge retten: „Einige Transporte der Heimkinder sind direkt in die Gaskammern gegangen.“

Für Löw gibt es nach dem Krieg ein Wiedersehen mit Harry Gelbfarb: „Harry ist nach Wien gefahren, hat sich bei mir gemeldet, plötzlich ist vor mir ein großer amerikanischer Soldat gestanden, das war Harry. Er war glücklich und zufrieden, daß er den Krieg überlebt hat.“

Von den meisten anderen Holocaust-Überlebenden erntete Löw jedoch Undank: Weil der „Judenrat“ gezwungen war, mit den Nazi-Behörden zusammenzuarbeiten, wurde Löw ihren Mitstreitern die Mitschuld am Tod von Familienangehörigen vorgeworfen. So zeigte der Vater eines im KZ Auschwitz ermordeten Kindes Löw an, weil sie angeblich die Ausreise seines Kindes verschleppt hatte.

 

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